Facebook und Integrität von Identität

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Mein letzter Blogeintrag hat einige interessante Reaktionen hervorgerufen, die mich gedanklich einmal mehr zu dem Thema Identität(en) im Internet führt. Erst vorgestern habe ich noch in einem Wartezimmer einen Artikel über sogenannte Scheinidentitäten auf Facebook und deren selbstdarstellerische Nutzer gelesen. Nichts gegen Autoren der alten Garde, aber so manches Mal habe ich schon arges Mitleid mit diesen armen Seelen gehabt, wenn sie über soziale Phänomene im Internet schreiben mit denen sie nicht aufgewachsen sind. Keine Frage, es gibt sie bestimmt die einsamen, halbprofessionellen Soziopathen, aber ich würde mein linkes Ei darauf verwetten, dass keiner meiner 300 Kontakte auf Facebook auch nur annähernd in diese Kategorie fällt. Die Ausnahmen darf man dann auf Hartz 4 TV am Nachmittag bestaunen.

Auslöser für diesen Eintrag war wie gesagt mein letzter Blogeintrag “Rise of the Nerd” und Kommentare wie: “Ben, du bist kein Nerd, tu bitte nicht so .. :)”. Einmal mehr wusste ich nicht genau wie ich darauf reagieren sollte. Dann habe ich mir gedacht : “Klar, wie soll sie das auch glauben. Von dem Teil meines Lebens bekommt sie und sicherlich viele andere gar nichts mit.”. Daher war ich auch nicht böse oder getroffen, sondern vielmehr fasziniert. Schon oft ist mit bei Facebook aufgefallen, dass ich dort über echte Freunde noch ein ganze Menge mehr gelernt habe. Meist ist es doch so, man hat die einen Freunde mit denen geht man feiern, andere für ausgedehnte, tiefe Gespräche, andere für gemeinsamen Sport, Freunde zum Shoppen, zum Lernen, zum Geschäftsideen sammeln, und und und. Wenn man richtig Glück hat, kann man viele Bereiche mit den gleichen Freunden teilen, aber oft ist nicht die gleiche Wellenlänge in allen Lebensbereichen gegeben. Das ist ja auch vollkommen ok so, aber es hat zum Resultat, dass einige Menschen ziemlich verwundert sind was man noch so alles macht, wenn sie darüber auf Facebook erfahren. Das hatte schon den Effekt, dass ich plötzlich entdeckt habe, dass ein Freund aus dem einen Bereich noch ein Interesse aus einem anderen mit mir teilt .. sehr zu unser beider Bereicherung.

Ich hätte auch manchmal gerne einfach nur eine kleine Hand voll Freunde mit denen ich alles teilen kann. Das hat sich für mich seit ich denken nicht als praktikabel erwiesen. Meine Interessen waren schon immer sehr vielseitig, genauso wie meine Freunde. Ich finde es viel wichtiger im wahren Leben sich selbst treu zu sein, als darauf zu achten, dass online immer alles 100% kohärent rüber kommt. Ich glaube gar nicht, dass das möglich ist oder überhaupt sein sollte. Egal wo ich irgendwas über meine Freunde lese, nehme ich das erst einmal als Anregung für mein Bild von dem Freund an, aber nicht als “die Wahrheit”. Jeder meiner Freunde teilt auch nur gewisse Aspekte seine Lebens mit mir und der Facebook Gemeinschaft. Ich weiß das und er weiß das und die Gemeinschaft sollte es auch wissen.

Oft wird in den Medien Facebook Nutzern vorgeworfen sie würde sich online verstellen. Mir scheint eher das Gegenteil realistischer zu sein. Es ist unglaublich schwer geworden unauthentisch zu sein. Freunde können Bilder von dir hoch laden, dich markieren, deinen Ort angeben und vor allem alles was du schreibst ohne Zensur kommentieren. Fragt mal Unternehmen, welchen Herausforderungen sie durch Facebook Seiten auf einmal gegenüber stehen, besonders wenn man nicht alles so sauber verläuft. All deine verschiedenen Freundeskreise sehen dich auf einmal aus einer neuen Perspektive. Arbeitskollegen und Vorgesetzte sind immer häufiger auch Teil der Facebook Kontakte. Wir neigen so sehr dazu Privates und Berufliches zu trennen, dass viele Menschen vollkommen verschiedene Rollen und damit verbundene Verhaltensweisen an den Tag oder die Nacht legen und nicht wollen, dass die eine Seite von der anderen etwas erfährt.

Ich bin der Meinung, dass uns das überhaupt nicht gut tut. Es zwingt uns mehrere Identitäten in uns parat zu haben und hemmt unsere Integrität. Ich will damit nicht sagen, dass man sich nicht situationsangemessen verhalten soll, sondern dass die Trennung dieser Bereiche meist zu scharf ist. Das Internet lässt diese Grenzen wieder verschwimmen und viele Menschen reagieren mit Angst darauf. Ich begrüße diesen Prozess, weil es mir dabei hilft meine verschiedenen Lebensbereiche miteinander zu verbinden und Ressourcen von einem Bereich in den anderen stärker mit einzubringen. Es erlaubt mir in allen Lebensbereich näher an meiner Kernidentität zu bleiben und mich dadurch wohler zu selbst-bewusster zu fühlen.

Ich beschäftige mich viel mit aktivem Lebens-Stil-Design und versuche so viel es mir möglich ist das zu tun was meiner Kernidentität und Leidenschaft entspricht. Dabei mach ich ganz bewusst keinen Unterschied zwischen Beruf und Privat, denn ich möchte das eine mit dem anderen wenn möglich verbinden. Ich will niemals etwas beruflich machen, bei dem ich mich auf meine Rente mit Ende 60 freue. Ich will so lange eine Beitrag leisten wie ich kann und will. Es mag sein, dass ich mit dieser idealistischen Vorstellung einigen Menschen vor den Kopf stoße oder für hoffnungslos naiv gehalten werden, aber auch das finde ich gut. Ich denke mit immer, wenn ich nicht ein paar Feinde habe bemühe ich wahrscheinlich nicht stark genug. Wer will schon jemand sein, den niemand hasst, aber in den sich keiner verliebt.

Ben